Hochwasser 2002 in der Prignitz

02.09.2022

20 Jahre später – Die Akteure von damals erinnern sich

Viele der Akteure und Vertreter beteiligter Institutionen von 2002 sind der Einladung von Bernd Lindow, Sachbereichsleiter Umwelt und Marcus Bethmann, Sachbereichsleiter BKS gefolgt und waren nach Perleberg gekommen. In den Räumlichkeiten des Brand- und Katastrophenschutzes (BKS) des Landkreises Prignitz kamen dann sofort viele Erinnerungen hoch. Auch Landrat Christian Müller besuchte das Wiedersehen, am 1. September 2022, in der Feldstraße. Er sprach mit den Beteiligten, die durch ihr Engagement maßgeblich dazu beigetragen haben, dass schlimmere Auswirkungen für die Region und seine Menschen abgewendet werden konnten. „Dieses Hochwasser hat nicht nur eine historische Bedeutung, sondern es hat auch ein ganz besonderes Netzwerk aus Menschen geformt. Menschen denen wir für ihre Verdienste, heute nach 20 Jahren, gerne noch einmal Danke sagen wollen“, so Christian Müller bei seiner Begrüßung.

Unter den Anwesenden waren u.a. der zu dieser Zeit tätige Landrat Hans Lange, der ehemalige Leiter des BKS (von 1991 - 2018) Erich Schlotthauer, Stefan Blechschmidt vom Landesamt für Umwelt (LfU) - aus dem Bereich Gewässer- und Anlagenunterhaltung West, Ordnungsamtsleiter Bad Wilsnack/Weisen Gerald Neu und als einzige Frau im Bunde, Almut Naumann. Sie war damals im Bereich Wasserbewirtschaftung und Hydrologie des Landesumweltamtes Brandenburg tätig. Nach den herzlichen Begrüßungen, einem gemeinsamen Gruppenbild und vielem Schulterklopfen, kam man dann inhaltlich schnell zur Sache. „Die größte Herausforderung für uns als Krisenstab war doch zu dieser Zeit, Ideen und Lösungen für Eventualitäten zu entwickeln und vorzuhalten“, begann Bernd Lindow seine Eindrücke wiederzugeben. Etliche Szenarien hatten die Beteiligten 2002 durchgespielt. Diese reichten von möglichen Deichbrüchen, über Zuwegungen im Überschwemmungsfall bis hin zu Evakuierungsabläufen.

Akteure von damals (Foto: LK Prignitz)zoom

Es folgten Ausführungen des LfU über die seit 2002 getroffenen Hochwasserschutzmaßnahmen und den planmäßigen Start der Deichsanierungsarbeiten im Jahr 2003. Auch die Details zur Weiterentwicklung der Technik und die große Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten begeisterten. Einige mahnten aber auch: „Technik kann ausfallen“. So gab Marcus Bethmann beispielsweise zu bedenken, dass das neue Digitalfunknetz zwar hilfreich sei, doch immer noch nicht stabil genug, man das analoge Netz aber schon abschalten musste und es kaum Ausfallkompensation gäbe. Auch Deichläufer, die es leider immer weniger gäbe, wären weiterhin überaus wichtig und eigentlich unersetzlich. Würden doch gerade sie es sein, die am Deich versteckte Schäden aufspüren, die auch nicht durch den Einsatz von Technik so leicht zu finden wären. Landrat a.D. Lange verwies, ergänzend zu den Deichsanierungen, auch noch einmal darauf, dass man die Notdeiche damals gleich so gebaut hatte, dass das verbaute Material an Ort und Stelle verbleiben und als Grundaufbau für die neuen Deichabschnitte verwendet werden konnte. „Das war eine gute solide Basis, die wir dort errichtet hatten“, so sein Statement.

Das Gros stimmte ihm zu und verschiedene Beteiligte berichteten u.a. über das beschwerliche Befüllen der Sandsäcke bei fast 30 Grad oder andere Herausforderungen, die es zu meistern galt. Auch der neue Ordnungsamtsleiter der Stadtverwaltung Wittenberge, Lars Wirwich, erinnerte sich im Austausch mit seinen älteren Wegbegleitern, wie auch er im August 2002, als 14-Jähriger und Mitglied der Jugendfeuerwehr, viele Sandsäcke befüllt hat. Aber auch die vielen tausend Helferinnen und Helfer ließ man in der Runde nicht unerwähnt. „Die waren wirklich einmalig“, so der Tenor der Gruppe.

Rückblende

Am 20.08.2002, um 21:15 Uhr liegt der Pegelstand der Elbe in Wittenberge bei 734 cm. Was folgt ist die Ausrufung des Katastrophenfalls durch den Landkreis Prignitz. 37 Orte erhalten die Aufforderung zu Evakuierung. Damals vor 20 Jahren überschreitet die Elbe vielerorts, nicht nur in der Prignitz, fast alle bis dato gemessenen Höchstwasserstände.

Die besondere Brisanz in der Prignitz zu dieser Zeit – laufende Arbeiten zur Elbdeichsanierung. Unsanierte Deichabschnitte in Rühstädt/Ledge und Cumlosen/Lanz werden zu Schwerpunkten der Sicherungsmaßnahmen. Deichbereiche wie beispielsweise die Biegung der unteren Mittelelbe, nahe Lenzen - auch bekannt als „Böser Ort“, wurden im Böschungsfußbereich umfangreich verstärkt und in Wittenberge folgte die Errichtung einer Hochwasserschutzwand. Auch die offiziellen Zahlen von Landesseite, hinsichtlich der getroffenen Maßnahmen im Elbeabschnitt der Prignitz, sprechen eine deutliche Sprache und zeigen die immensen Ausmaße dieses Hochwassers. Über 1.300 Einsatzfahrzeuge, 2,2 Millionen Sandsäcke, 18.000 Quadratmeter Abdeckfolie und Flies und 20.000 Reisig- und Rutenbündel – sogenannte Faschinen wurden durch Bundeswehr, Bundesgrenzschutz, DRK, THW, Feuerwehr und viele weitere Helfer verbaut. Und auch wenn die Kosten und Schäden in der Prignitz und gesamt Brandenburg am Ende relativ moderat ausfielen, schlugen sie trotzdem mit über 242 Millionen Euro zu Buche. (Datenquelle: Bericht des LUA Brandenburg, Nov. 2002 & Ausführungen des LfU vom 01.09.22)

Einem Teil der Anwesenden erschienen diese Zahlen gestern dennoch für viel zu niedrig und sie konstatierten u.a. eine weitaus höhere Anzahl von Sandsäcken, die ihres Wissens nach zum Einsatz gekommen sei. Am Ende ist man sich dann aber doch darüber einig, dass die Deichsprengungen in den Niederungen der Havel für große Erleichterung und Aufatmen in der Region gesorgt hatten. „Die Katastrophe in der Prignitz gab es glücklicherweise nicht, trotz Ausrufen des Katastrophenfalls. Denn wir alle haben sie gemeinsam verhindert“! Mit dieser Aussage unterstrich der damalige Landrat Lange noch einmal die Richtigkeit der 2002 getroffenen Entscheidungen. Denn jedes Hochwasser ist anders und hat seine Eigenarten und Tücken. Da heißt es entscheiden und machen. „Da hat man dann einfach keine Zeit für Sensibilitäten. Da musst du Klartext sprechen und auch vertragen können“, platzt es abschließend aus Hans Lange dann doch noch einmal heraus. Das ginge definitiv nicht überall. Aber hier, in der Prignitz stimme die Basis. Hier kann man das machen. Hier ist man, Dank der Menschen, auf solche Ereignisse allgemein gut vorbereitet.

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